„Fang Theologie halt einmal an!“
Prälat Mag. theol. Leopold Städtler, geb. 1925 in Ligist, ist der älteste lebende Absolvent der Grazer Katholisch-Theologischen Fakultät. Der heute 101-Jährige studierte an der Universität Graz von 1945 bis 1950 Katholische Theologie und schloss dieses, wie damals üblich, mit dem Absolutorium ab. Nach seiner Priesterweihe im Grazer Dom war er Kaplan in Mureck, Murau sowie Fohnsdorf, wo er sich bereits als Brückenbauer für den Dialog zwischen Kirche und Arbeiterschaft einsetzte. Er baute die Pfarre Judenburg-St. Magdalena auf, deren erster Pfarrer er wurde. Als Generalvikar (1976–1997) und somit engster bischöflicher Mitarbeiter beschritt Prälat Städtler unter Diözesanbischof Johann Weber (1927–2020), seinem ehemaligen Studienkollegen, neue Wege für die steirische Kirche.
Warum haben Sie sich für das Theologiestudium entschieden?
Als ich von der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt bin, wusste ich nicht, was ich tun soll. Willst du studieren? Ich war total unsicher. Mein Bruder Hannes [1919–1982] war sechs Jahre älter und in der Theologie weit fortgeschritten. Der hat zu mir gesagt: „Fang Theologie halt einmal an!“ Mich hatten schon während der Nazizeit die Kapläne imponiert, die sehr offen gesprochen haben: Jetzt ist eine Zeit der Entscheidung. Du musst etwas tun. Die Kapläne meiner Heimat sind von allen Leuten geschätzt worden.
Können Sie uns die Anfänge Ihres Studiums im Jahre 1945 näher beschreiben?
Die Theologische Fakultät war während der Nazizeit aufgehoben. Wir hatten das Gefühl, dass allen sehr wichtig war, dass die Fakultät nach dem Krieg wieder aktiv ist. Die Immatrikulationsfrist war für uns Kriegsheimkehrer bis Dezember 1945 verlängert worden. Ich begann mit Dezember 1945. Das Wintersemester war ohne Vorlesungen. Es zählte aber bereits als solches. Es gab nichts zum Heizen. Das Sommersemester hatte noch die halbe Zeit zugesperrt gehabt, die Fensterscheiben waren kaputt. Wir hatten nur ein paar Blätter Papier zum Mitschreiben. Hefte waren selten. Es hat praktisch nur die Füllfeder gegeben und ein Tintenfass. Bei Professor [Andreas] Posch [1888–1971] in der Kirchengeschichte gab es ein Lehrbuch. Der Professor ist hereingekommen, hat sich hingesetzt und hat vorgelesen. Durch die Katholische Studentenverbindung hatte ich Kontakt zu den anderen Fakultäten.
An welche Lehrenden der Theologischen Fakultät können Sie sich besonders erinnern?
Der berühmte Professor [Johann] Fischl [1900–1996, Professor für Philosophie], damals ganz jung, da sind auch andere zu ihm gekommen, die nicht Theologie studiert haben, von der Philosophischen Fakultät. Er versuchte uns eine positive Zukunft zu vermitteln. Auch dass es eine geregelte Ordnung geben muss. Beim Fischl war der Hörsaal fast voll. Von seiner Philosophie habe ich mitgenommen, was das menschliche Leben überhaupt ist, wie kostbar, wie wertvoll, welche Begabungen da sind, was man nützen soll, die Werte, die man vermitteln soll, das hat uns 20-Jährigen viel gegeben. Der Fischl war über Graz hinaus in ganz Österreich bekannt. Von ihm habe ich heute noch drei Bücher.
Bei der Kirchengeschichte, da haben wir manchmal lächeln müssen, was diese Kirche Gottes alles überlebt hat. Die Kirchengeschichte hat mich immer sehr interessiert. Professor Posch war ganz auf der Seite der Studierenden. Posch und Fischl waren die Spitzenleute unter den Theologieprofessoren. Das interessanteste Seminar war für mich das von Dozent Koren [Hanns Koren (1906–1985), Dozent für Volkskunde] über kirchliche Bräuche. In der Theologie haben wir zusammengehalten wie Pech und Schwefel. Wir wollten möglichst schnell mit dem Studium fertig werden.
Pflegen Sie heute noch den Kontakt zur Katholisch-Theologischen Fakultät?
Ich bin Mitglied des Vereins zur Förderung der Theologie. Da lese ich immer noch das Protokoll [der Generalversammlung], damit ich weiß, was [auf der Fakultät] los ist. Zu einer Sitzung vermag ich nicht mehr zu gehen. Ich versuche schon halbwegs auf dem Stand der Zeit zu sein. Ich nehme auch durch das Hören die Aktivität der Fakultät wahr, lese auch im Sonntagsblatt. Als Generalvikar habe ich damals noch alle Professoren gekannt. Es war ein tieferer Kontakt.
Das Gespräch führte Michaela Sohn-Kronthaler.
Buchempfehlung:
Michaela Sohn-Kronthaler/Markus Zimmermann, Mit den Menschen leben. Leopold Städtler. Ein Zeitzeuge, Wien/Graz: Styria Buchverlage 2022.